Stand der Materie / Raumzeit 

 

Nachdem mein bisheriger Prozess abgeschlossen war und mein ganzer Besitz nach der letzten Ausstellung in meinem neuen Arbeitsraum installiert wurde, widmete ich mich in erster Linie der Musik. Dadurch nahm ich mehr Abstand von dem Denken, das in den letzten Monaten sehr stark mit meinem Konzept verbunden war. Das tägliche Aufschreiben von Gedanken, das ich mir durch den Prozess angeeignet hatte, ist geblieben. Es hat nicht lange gedauert bis ich darauf gekommen bin, dass ich nicht aufhören kann, die Entstehung meiner neu konstruierten Position zu reflektieren. Das Verlangen, das bis jetzt entstandene Potential meiner Arbeit noch genauer zu definieren und aus der aktuellen Sicht mit Texten zu ergänzen, hat dazu geführt, mich dem weiteren Verlauf hinzugeben.


Since my previous process was completed and my entire property was installed after the last exhibition in my new workspace, I devoted myself primarily to music. Thus, I took more distance from the thinking that had been very strongly associated with my concept in the previous months. The daily writing of thoughts that I had acquired through my old process remained. It did not last long until I came to the conclusion that I could not stop reflecting on the emergence of my newly constructed position. The desire to further define the potential of my work, which had so far been created, and to supplement it with texts from my current perspective, led me to further my current course of action.

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Der erste Schritt war es, alle meine einzelnen Arbeiten zu überdenken, ihre Relevanz in meiner künstlerischen Entwicklung zu analysieren und thematische Zusammenhänge zu finden. Ich begann mit einzelnen Symbolfotos, die für das jeweilige Projekt standen und kleinen Zetteln, auf die ich Stichworte/ Assoziationen dazugeschrieben habe. Parallel setzte ich mich mit den früheren Beschreibungen und den Eckgedanken auseinander. Mit einem größeren Überblick fügte ich immer mehr Erkenntnisse dazu und begann mit der Beschreibung des Prozesses, in dem ich mich im vergangenen Jahr befand. Es war ein deutlich spürbarer Unterschied, sich im Verlauf der Entstehung einzelner Elemente zu befinden oder auf das Ergebnis als eine Ganzheit zu blicken. Erst von diesem Standpunkt aus war es für mich möglich, Schritt für Schritt den Prozess und die damit verbundenen Rituale in Worte zu fassen.

“Das offene Potential” ( Das Gruppenbild 2 ) wurde mit der Zeit immer präsenter in meiner Überlegung. Die Entwicklung verschiedener Möglichkeiten der Verlaufsszenarien faszinierte mich. Andererseits hat mich die Vorstellung, dass die Teilnehmer der Aktion auf ein Zeichen von mir warten, unter Druck gesetzt. Genau in dieser Position zu sein, war das Ziel dieser Arbeit. Es hat Monate gedauert, mich von meiner Vorstellung der Erwartungshaltung der Anderen zu befreien und an einen Punkt zu kommen, an dem ich mehrere Optionen der Weiterführung in Aussicht hatte.

Während der Neudefinierung und Auseinandersetzung mit dem theoretischen Teil meiner Vertiefung führte ich gleichzeitig eine Transformation meiner materiellen Sachen durch. Schon im Jahr zuvor habe ich meinen ganzen Besitz als Erweiterung des Ichs wahrgenommen. Dieses Bewusstsein begleitete mich auch während der Fortsetzung meines aktuellen Prozesses. Ich habe beobachtet, dass das Vorhaben, mit immer weniger Materie verbunden zu sein, gut funktionierte und mit der stärker werdenden Komprimierung haben die restlichen Elemente an Wichtigkeit und Bedeutung gewonnen.


The first step was to rethink all my individual works, to analyse their relevance in my artistic development and to find thematic correlations. I started with individual symbolic photos, which stood for their respective projects and small notes on which I had added keywords and associations. At the same time, I set myself apart with the aforementioned descriptions and the associated afterthoughts. With a larger overview, I added more and more insights and started to describe the process in which I had taken part over the course of the past year. There was a distinctly noticeable difference to be observed in the formation of individual elements compared with the result as a whole. It was only from this standpoint that it was possible for me, step by step, to put the process and the associated rituals into words.

“The Open Potential” (group picture 2) became more and more present in my consideration over time. I was fascinated by the development of the different possibilities of the historical scenarios. On the other hand, I had the idea that the participants of the action were waiting for a sign from me. To be in this position was the exact goal of this work. It took months to get rid of my idea of the expectations of others and to come to a point where I had several options for continuation ahead of me.

During the redefinition and confrontation with the theoretical part of my deepening, I carried out a transformation of my material things simultaneously. Already in the previous year, I had perceived all my possessions as an extension of the ego. This awareness also accompanied me during the continuation of my current process. I have observed that the plan to be connected with ever less matter worked well and with the increasing compression the remaining elements gained importance and meaning.

 

Sonnenfinsternismünze:
Die einzige Ausnahme des Produktionsentzugs war eine Materialisierung am 20. März, als ich während der Sonnenfinsternis eine 1 Cent Münze auf ein Gleis legte und mit Hilfe einer Strassenbahn, die darüber gefahren ist, dekodiert habe. Meine Absicht war die Verbindung zweier Elemente: Etwas Übermenschliches, das man nicht kontrollieren kann, etwas, an dem man teilnehmen muss und eine Handlung freier Wahl, in dem Fall die Löschung der Information, die die Funktion und den Wert des Objekts ausgemacht hat. Entstehung eines Potentialträgers, das in der Zukunft angewendet werden kann.


The only exception to the withdrawal of production was a materialization on the 20th of March, when I put a 1 cent coin on a rail track during the solar eclipse and decoded it with the help of a streetcar that drove over it. My intention was the connection of two elements: something superhuman that one cannot control, something to participate in and an act of free choice. In this case being the deletion of the information which was the function and the value of the object. Development of a potential carrier that can be put into use in the future.

 

 

Reise nach Venedig/ Biennale 2015: Mein Ziel war es, meinen ganzen Besitz bis zum Beginn der Reise aussortiert zu haben, so dass ich im Endeffekt alle wichtigsten Dinge in einen Rucksack einpacken konnte. Das heißt, die Essenz meiner Sachen so zu konfigurieren, dass ich wegfahren konnte, ohne wieder zurückkommen zu müssen. Zu den Bestandteilen gehörten: Dokumente, die beiden Bücher “Stand der Materie Oktober und Dezember 2014“, Festplatten mit allen digitalen Inhalten (Privates, Kunst und Musik), die Textrolle, einzelne Zettel mit Texten, Ideen, Skizzen (Inhalte, die nicht in der Rolle eingebaut sind), aktuelle Notizen, alle Schlüsselanhänger, Kleidung, einen Schlafsack und eine kleine Bauchtasche mit dem Pass, Ticket, Telefon und Kamera. Den Holzroller nahm ich natürlich auch mit. Der Rest, der in meinem Zimmer in Wien geblieben ist, waren Werkzeuge und Material, zu einem Wagen zusammengebaut (was eine zweitrangige Bedeutung hatte) und das Gruppenbild 1. Ohne den Verlauf der Reise vorher geplant zu haben, war es für mich wichtig, eine Situation zu erleben, in der ich mich als einen Träger des Potentials sehe, der die Komprimierung seiner Vergangenheit mit sich trägt.


Trip to Venice/Biennale 2015: My goal was to have my entire property sorted out by the beginning of the trip so that I could pack all the most important things in a backpack. That is, to configure the essence of my things so that I could wander out without having to come back. Among the constituents were: documents, the two books “State of matter October and December 2014”, hard drives with all digital content (private, art and music), the Textscroll, single notes with texts, ideas, sketches (contents that are not installed in the reel), current memos, all key tags, clothes, a sleeping bag and a small belly bag with my passport, ticket, telephone and camera. Of course I took my wooden scooter. The rest, which stayed in my room in Vienna, were tools and material, assembled into a wagon (which had a secondary meaning) and the group picture 1. Without having planned the course of the journey before, it was important for me to experience a situation in which I see myself as a carrier for potential that is carrying a compression of his past.

 

Am 15ten Tag meines Aufenthalts traf ich eine spontane Entscheidung, nach Wien zu fahren. Auch wenn meine Reise kein definiertes Ziel hatte, fühlte ich, dass diese Erfahrung für mich von großer Bedeutung war. Es bestätigte sich, dass die Komprimierung und das Bewusstsein der absoluten Anwesenheit (bzw. dass ich in jeder Situation aus dem aktuellen Stand heraus reagieren kann und nicht noch sekundäre Faktoren in die Entscheidungen miteinbeziehen muss), mich einem Zustand ausführender Handlungsgewissheit und verstärkter Intuition näher bringt.

Wieder in Wien zu sein, war genauso spannend und herausfordernd, wie der Aufenthalt in Venedig. Ich verbrachte die folgende Zeit von Ende Juni bis Ende November hauptsächlich mit der Optimierung der Werkzeuge, Analyse des Materials und Organisation der Informationen. Gleichzeitig arbeitete ich an dem Buch “Stand der Materie” und der Entwicklung des weiteren Verlaufs.

 

Die Neuzusammensetzung der materiellen Elemente, so wie ich sie bis jetzt noch nie in Verbindung gesetzt habe, brachte mich zu neuen Perspektiven und Anwendungsmöglichkeiten. Was mir sehr interessant erschien, war der Unterschied zwischen der “gewöhnlichen” Konfiguration und den aktuellen, neu inszenierten Zusammensetzungen. Eine routinierte Wahrnehmung und Grundeinstellung, die sich über die Zeit bilden kann, erkannte ich schon früher. Da es einen aber leise und unbemerkt einhüllt, ist es wichtig, immer wieder die scheinbar unsichtbare Vielfalt des Potentials und die Intensität der eigenen Überzeugung und Faszination zu hinterfragen und aktualisieren. Meine Arbeitsweise und die angewendeten Methoden haben ihre Funktionen gut erfüllt. Die Materialsammlung, die noch immer ein Teil meines Besitzes war, bestand aus einigen Gegenständen, die interessante Eigenschaften in sich trugen, oder mich an Prinzipien/ Funktionen, die von Bedeutung waren, erinnerten. Die “Überreste” bisheriger Arbeiten hatten eine zusätzliche Ebene, da sie in dem Kontext der Vergangenheit standen. Auch Elemente, die das Zusammenfügen und Transportieren ermöglichen und mir unter anderem auch als Arbeitstisch dienten, besassen ihre individuelle Position in dem Konstrukt meines Instrumentariums.

 

Letztendlich komprimierte ich alle Werkzeuge zur einem Equipmentkoffer, den ich für die Kreation, Bearbeitung und Wiedergabe, aber auch zur Archivierung von audio-visuellen, digitalen Inhalten verwenden konnte.


On the 15th day of my stay I made a spontaneous decision to go to Vienna. Even though my journey had no defined goal, I felt that this experience was of great importance to me. It was confirmed that the compression and awareness of absolute presence (or that I can react in every situation from my current state and do not have to include secondary factors in my decisions) brings me closer to a state of handling situations with certainty and enhanced intuition.

 

Being back in Vienna was just as exciting and challenging as staying in Venice. I spent the following time from the end of June to the end of November mainly busy with the optimization of my tools, analysis of my material and organization of information. At the same time I worked on the book “State of the matter” and the development of my future course of action.

 

The recomposition of my material elements, as I had never contacted them previously, brought me new perspectives and ways to apply said elements. What seemed very interesting to me was the difference between the “ordinary” configuration and the current, newly staged compositions. An experienced perception and basic attitude that can form over time, I realised. As it envelops one, quietly and unnoticed, it is important to constantly question and update the seemingly invisible diversity of potential and the intensity of my own conviction and fascination. My way of working and the methods that were applied fulfilled their functions well. The material collection, which was still in my possession, consisted of some objects that had interesting properties or reminded me of principles orfunctions that were important to me. The “remains” of previous work had an additional level because they were in the context of the past. Also elements that provide the means to combine and transport, which among other thing, served me as a work table, had their individual position in the construct of my instrument.

 

Finally, I compressed all my tools into a tool box that I could use for creation, editing and playback, but also for archiving audio-visual or digital content.

 

 

 

Die Organisation der Informationen verlief wie folgt: Vollgeschriebene Hefte (aktuelle Notizen) wurden der Textrolle hinzugefügt, Textfragmente thematisch gruppiert und in Folien (A4) eingeordnet, so dass sie  übersichtlich und schnell zugänglich waren, auf der digitalen Ebene wurden hauptsächlich visuelle Inhalte sortiert und zeitlich eingeordnet.


The organization of the information was as follows: Fully-written notebooks (current notes) were added to the textroll, grouped into themes and arranged into slides (A4) so that they were clearly and quickly accessible, and the digital layer was primarily used to sort and temporally categorize visual content.

 

 

 

 

Durch die intensive Auseinandersetzung und Neudefinierung wurde mir die Grenze zwischen Persönlich und Öffentlich immer präziser sichtbar. Mechanismen und Prozesse der Interaktion, die in diesem Zwischenraum stattfinden, waren immer schon ein wichtiger Teil meiner künstlerischen Forschung.

Im Jahr 2015 distanzierte ich mich immer mehr von meinem bisherigen Leben, definierte meine neue Position und arbeitete an einer Serie von Büchern, die den ganzen Verlauf meines Prozesses und meiner bisherigen künstlerischen Arbeit in Bildern und Texten zusammenfassen.


Due to the intensive examination and redefinition of my border between personal and public, I became more and more precise. Mechanisms and processes of interaction that take place in this space have always been an important part of my artistic research.

In 2015, I distanced myself more and more from my previous life, defined my new position and worked on a series of books that summarise the whole course of my process and my previous artistic work in pictures and texts.